Dürrenmatt und Kierkegaard.
Die Kategorie des Einzelnen
als gemeinsame Denkform
Dissertation
400 Seiten
Gebunden
Böhlau Verlag
Köln Weimar Wien 2003
€ 31,95
ISBN 3-729-60658-1
REZENSION
Dissertationen wie diese sind selten geworden. Die umfangreiche und weit ausgreifende Monographie ist weit mehr als eine bisher noch nicht aufgearbeitete Rezeptionsstudie zu Kierkegaard. Indem sie dem Einfluss Kierkegaards auf Dürrenmatt nachgeht, stellt sie die Dürrenmatt-Forschung auf eine Grundlage, die endlich die literarische Dimension seines Schaffens zur philosophischen in Beziehung setzt, insbesondere zur erkenntnis- und sprachphilosophischen Denkform. Für die Werkdeutung bedeutet das eine dauerhafte Vertiefung und Erweiterung der poetologischen Basis. Es bedarf einer gedanklichen Grundlage, wie sie hier vorliegt, um die immer gleichen Klischees der Werkdeutung aus ihrer ästhetischen Isolierung zu lösen und sie auf ihre Verankerung im existentiellen Denken des Schriftstellers zurückzuführen. Ein Ansatz dieser Art war längst überfällig.
Gestützt auf ein umfassendes Quellenstudium bietet Mingels in separaten Teilen eine scharf umrissene Analyse der religionsphilosophischen Basis Kierkegaards und der analogen Denkstrukturen Dürrenmatts. In beiden Fällen bezieht die Darstellung den zeitgenössischen Kontext mit seinen ideologischen Tendenzen ein, und zwar jeweils in einer Weise, die die Konturen beider Figuren in ihrer philosophischen bzw. theologischen Sonderstellung, d. h. als entschiedene Gegner allen ideologischen Denkens, hervortreten lässt. Die gezielt vorgehende, aber nichtsdestoweniger flexibel und differenziert auf Einzelheiten eingehende Untersuchung erreicht ihr Ziel mit Hilfe einer soliden Methodik und einem theoretisch durchweg anspruchsvollen Reflexionsniveau.
Strategisch überzeugend ist schon der Aufbau der Arbeit mit seinen zwei Hauptteilen. Der erste ist Kierkegaard gewidmet, der zweite Dürrenmatt. Kierkegaard als Orientierungsbasis, mit dem Schwerpunkt auf der für ihn so entscheidenden religionsphilosophischen Kategorie des Einzelnen; anschliessend, im eigentlichen Hauptteil, Kierkegaards Einfluss auf Dürrenmatt, auf seine Denkansätze und literarischen Entwürfe.
Der Klarheit des Aufbaus entspricht die Stringenz in der Darstellung der theoretischen Zusammenhänge, die immer auch den ideengeschichtlichen Kontext einschliesst. (...)
In diesem Licht erhält Dürrenmatts oft widersprüchliches Denken und Schreiben eine Tiefendimension, die für die künftige Dürrenmatt-Forschung nicht mehr wegdenkbar ist. Meine Schlussformel am Ende der Lektüre: ein minutiös und mit grosser Fachkenntnis aufgearbeitetes Thema in einer gelungenen und anregenden Untersuchung, die das Verständnis Dürrenmatts im Kern erfasst und um entscheidende Perspektiven bereichert.
Ernst S. Dick
Jahrbuch für Internationale Germanistik, 2004, Heft 2 (Auszug)